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Duelle, Revolutionen und Weltkriege auf 64 Feldern

Von Merkur-Mitarbeiter Martin Halter , 16.06.2009 00:06
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Für Stassis Romanheld besteht die Welt nur aus weißen und schwarzen Quadraten. Foto: dpa

Zweibrücken. Der Kubaner José Raúl Capablanca (1888-1942) galt als "Mozart des Schachs" und Liebling der Götter: Ein melancholischer Dandy, umschwärmt von Frauen und hofiert von der großen Welt, der seine Partien als Kunstwerk anlegte
Zweibrücken. Der Kubaner José Raúl Capablanca (1888-1942) galt als "Mozart des Schachs" und Liebling der Götter: Ein melancholischer Dandy, umschwärmt von Frauen und hofiert von der großen Welt, der seine Partien als Kunstwerk anlegte. Anders sein großer Widersacher Alexander Aljechin: Der Russe, eine Figur wie aus einem Dostojewski-Roman, war eine fanatische Kampfmaschine, die, mit seinem Geistesbruder Bobby Fischer zu sprechen, "das Ego des Gegners zerstören" wollte. Ein unnahbarer Trinker und Trickser und politisch ein Opportunist, der es mal mit den Bolschewisten und mal mit den Nazis hielt. Dass Aljechin ihn als "südamerikanischen Prahlhans" und Abkömmling einer trägen, lasziven Bastardrasse verhöhnte, ertrug Capablanca höflich und gelassen; aber dass dieser grobe Sadist ihm 1927 in Buenos Aires den Weltmeistertitel entriss (und einen Revanchekampf gegen alle Usancen verweigerte), hat er nie verwunden.

Fabio Stassi fesselt in seinem Schachroman beide Rivalen schicksalhaft aneinander: "Wäre Capablanca nicht auf die Welt gekommen, hätte Aljechin keinen Rivalen gehabt"; umgekehrt wäre Capablanca nichts ohne seinen hassgeliebten Freundfeind gewesen. "Die letzte Partie" beginnt mit Aljechins mysteriösem Tod (angeblich erstickte er an einem Bissen Fleisch) 1946 in einem portugiesischen Hotel. In 64 Bildern - eines für jedes Feld auf dem Schachbrett - lässt der italienische Bibliothekar das Leben Capablancas vorüberziehen: Die ersten Siege im Circolo, dem Schachclub von Havanna, der Triumphzug des "exotischen Tiers" durch Nordamerika und Europa, die einsamen Nächte in Belle-Epoque-Hotels, Frauengeschichten, der Zirkus der Simul-

tanpartien, die Ausflüge ins Filmgeschäft, die besessene Suche nach dem perfekten Spiel, die immer häufiger auftretenden Erschöpfungszustände, Zusammenbrüche und bizarren Phantasien ("Was träumt ein Bauer?").

Stassis Vorbemerkung, seine Hauptfigur heiße "nur zufällig" Capablanca, ist natürlich eine bewusste Irreführung. Zumindest die äußeren Daten stimmen, und wenn es Verstöße gegen biografische Fakten gibt, sind sie jedenfalls gut erfunden, legitime dichterische Freiheiten.

Trotz einiger überflüssiger Schlenker und Mystifikationen ist "Die letzte Partie" nicht nur eine klug und einfühlsam erzählte Romanbiografie, sondern auch eine unterhaltsame Geschichte des Schachs im 20. Jahrhundert. Mehr noch: ein Panorama jener unruhigen Epoche, in der - wie schon in Stefan Zweigs "Schachnovelle" - das Spiel zur Metapher für ideologische Duelle, Revolutionen und Weltkriege wurde.

Fabio Stassi: Die letzte Partie, Kein & Aber, 236 S., 19,90 €.

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