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Saarland-Wahl – Eine wird gewinnen





Saarbrücken
Saarland-Wahl – Eine wird gewinnen
21. März 2017, 02:00 Uhr
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Herausforderin Anke Rehlinger. Fotos: Rich Serra

Anke Rehlinger (40) will die nächste Ministerpräsidentin des Saarlandes werden. Hält das Umfrage-Hoch ihrer SPD am Sonntag dem Realitätstest an der Wahlurne stand, kann sie es schaffen.

Wenn Anke Rehlinger am Dillinger Odilienplatz Rosen verteilt, steht sie nicht wartend unter einem SPD-Wahlkampf-Schirm. Sie stürmt voran. Ob im Schuhgeschäft oder in der Dönerbude: Wo sie auftaucht, fliegt die Tür auf – Power, das ist ihr Ding. Auch unverkrampfter Bürgertalk. Rehlinger gibt den Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ, ist es wohl auch: sympathisch, natürlich, schlagfertig – eine Idealbesetzung, wenn es darum geht, Bekanntheits- und Image-Defizite auszugleichen. Deshalb SPD-„Häuserwahlkampf“, Rehlinger klingelte sich durch und hörte, wie in Dillingen, nicht selten das: „Sie sind sehr nett, aber die Ministerpräsidentin ist es auch. Macht es doch gemeinsam.“ Wenn's denn so einfach wäre – mit einer durch Martin Schulz entfesselten SPD im Nacken, die raus will aus der ewigen Juniorpartnerschaft in einer großen Koalition.

Bei Umfragen liegt Rehlinger, was die persönlichen Werte angeht, deutlich hinter der CDU-Regierungschefin. Mit dem Namen der Wirtschaftsministerin verbindet sich keine fette Firmen-Neuansiedlung, kein spektakuläres Zukunftsprojekt, allerdings die flotte Wiederbefahrbarmachung der Fechinger Talbrücke. Das ist für Rehlinger selbst ihr größter Erfolg. Doch effizientes Krisenmanagement mag zwar ihren Ruf bestätigen, kraftvoll zuzupacken, die Königsdisziplin ist das noch nicht.

Kann die frühere Top-Leichtathletin, seit 1996 saarländische Rekordhalterin im Kugelstoßen, wirklich Ministerpräsidentin? In der Fraktion galt sie als Allroundtalent. Gleichwohl durfte sie bisher nie die Erste sein, war stellvertretende Vorsitzende in der Fraktion (2011), ist stellvertretende SPD-Landeschefin (2013) und seit 2014 stellvertretende Ministerpräsidentin. Bei der CDU nannte man sie schon mal spöttisch „Anke wer?“: Rehlinger sei ein bundespolitisches Leichtgewicht. Nicht erst die tausendfach geposteten Rehlinger-Küsschen für Martin Schulz während dessen „Krönungsmesse“ haben dafür gesorgt, dass solcherart Einschätzungen bröckeln. Sondern Rehlinger selbst. Im Wahlkampf hat sie zweifelsohne an Format gewonnen, argumentiert schärfer und feuriger, tritt unaufgeregt und zugleich entschlossen auf. Ihr Wahlziel: nicht irgendein Amt, das sagt sie immer wieder, sondern stärkste Kraft werden und die AfD verhindern. Rehlinger sieht das Ende des moderierenden Politikstils gekommen. Es habe sich ausgemerkelt, auch im Saarland: „Man darf nicht nur Stabilität und Kontinuität vermitteln. Mir war bisher nicht langweilig mit dem, was wir hier gemacht haben. Aber ich will manches anders machen.“

Und sie traut sich das auch zu. Sie selbst sagt: „Alles das, was man mir bisher anvertraut hat, konnte ich erledigen.“ Bei ihr brenne schon jetzt regelmäßig die Hütte, und ihr Kalender sei so voll, dass man kaum noch mehr reindrücken könne. Selbst die Vorstellung, dass ihr in einem rot-roten Bündnis womöglich der einstige SPD-„Übervater“ Oskar Lafontaine (Linke) die Welt und das Regierungsgeschäft würde erklären wollen, lässt sie ruhig schlafen. Rehlinger hat den Vorteil der späten Geburt: „Lafontaine hat mich weder gefördert noch verhindert.“ Der Umgang sei entspannt.

Das Heiko-Maas-Trauma quält die SPD-Spitzenfrau wahrlich nicht: Gewinnen ist für sie Ziel, aber kein Schicksal. Sollte es wieder nur für eine Juniorpartnerschaft in einer großen Koalition reichen, macht das, wie es scheint, Rehlingers Ego keinen Stress. Allerdings befindet sie sich auch, anders als ihre Kontrahentin AKK, in der komfortablen Situation, quasi sicher einer zukünftigen Saar-Regierung anzugehören, in welcher Funktion auch immer.

Unverfälschtheit halten Rehlingers Berater für deren entscheidenden Vorteil. „Mich kriegt man nur so oder gar nicht“, sagt sie selbst – da ist eine ganz bei sich selbst. Wie sie privat tickt, zeigt sie auf ihrer Homepage. Nunkircher Arbeiterkind, Jurastudium, Sozialisierung im Leichtathletikclub Rehlingen. Oft zeigt sie sich mit ihrem Mann Thomas, der als „Landarzt“ arbeitet, und mit Sohn Paul (8). Die junge Familie lebt in Münchweiler, eng angebunden an die beiden Großeltern-Haushalte. Vor allem kulinarisch. Wenn Rehlinger eins nicht kann, dann kochen. Ein Abend die Woche gehört Mann und Sohn. Der Verlust an Familienzeit ist für Rehlinger das Härteste, was ihr der Beruf abverlangt. Luxus liegt für sie jenseits des Materiellen, mal in den Tag hinein leben zu können, ohne feste Termine. Hobbys haben keinen Platz, sogar Rehlingers geliebter Sport nicht. Musik mag sie, aber Kulturveranstaltungen machen ihr nur Spaß, wenn sie sich gründlich vorbereiten kann. Deshalb will sie irgendwann einmal nicht einfach nur ein bisschen fotografieren, sondern bei ihr wird's ein „Fotografie-Lehrgang“. Entspannung? Friseurbesuche oder Wellness machen sie nervös, in Boutiquen nimmt Rehlinger aus Zeitökonomie-Gründen auch mal drei Blazer mit. Da weiß man, warum Mitarbeiter sie „pragmatisch“ nennen. Gleichwohl neigt die Chefin zu Akribie, Delegieren ist nicht ihre Stärke.

Das Verhältnis zur eigenen (Regierungs-)Chefin gilt nicht als innig, sondern als vernünftig. An Kramp-Karrenbauer schätzt Rehlinger: „Sie ist uneitel und arbeitet viel.“ Zumindest der zweite Satz gilt auch für sie selbst.


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