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Saarland-Wahl – Eine wird gewinnen





Saarbrücken
Saarland-Wahl – Eine wird gewinnen
21. März 2017, 02:00 Uhr
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Annegret Kramp-Karrenbauer und Anke Rehlinger Foto: Dietze
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Amtsinhaberin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Zwei Frauen werben um die Saarländer Saarbrücken Seit August 2011 regiert Annegret Kramp-Karrenbauer das Saarland. Am Sonntag möchte sie ihre CDU erneut zur stärksten Partei machen und danach weiter eine große Koalition anführen. Herausforderin Anke Rehlinger will für die SPD nach knapp 18 Jahren die Staatskanzlei zurückerobern. Die SZ stellt beide Kandidatinnen in persönlichen Porträts vor und lässt Wegbegleiter zu Wort kommen.


Amtsinhaberin Annegret Kramp-Karrenbauer


Sie regiert das Saarland seit August 2011 und will weitermachen: Annegret Kramp-Karrenbauer (54) wirbt um Stimmen für ihre CDU. Wenn es am Sonntag nicht reicht, will sie die Saar-Politik verlassen, sagt sie.

Wenn die Ministerpräsidentin ihren Friseursalon am Püttlinger Burgplatz verlässt, nimmt sie zweifelnde Blicke mit. „War das do net unser Annegret?“, wird Coiffeur Eric gefragt – und er nickt. Zuvor hat Annegret Kramp-Karrenbauer (54) wie alle Kundinnen in Frauenzeitschriften geblättert. Schwer vorstellbar: keine Bodyguards, keine Unterschriftenmappen, keine SMS-Gewitter aus dem Kanzleramt? Bestens vorstellbar, ja Realität: „'s Annegret“ wird nicht nur in Püttlingen, wo sie zuhause ist und wo ihre Karriere als Kommunalpolitikerin begann, sondern allgemein so wahrgenommen: als Frau wie du und ich. Lieber zu bieder als zu schrill gekleidet, lieber zu nett als zu schroff unterwegs. Eine unauffällige Person. Wie man sich täuschen kann. „AKK“ ist bundespolitisch alles andere als unsichtbar. Sie hat im Präsidium ihrer Partei und als Vize-Chefin der Frauen-Union einiges mitzureden, immer wieder wird sie auch als Angela-Merkel-Nachfolgerin ins Spiel gebracht, sogar als Bundespräsidentin hat man sie gehandelt.

Wie schafft man das? Mit klugem Köpfchen, imponierender Themenpräsenz, mit charmant wattiertem Machtinstinkt. Und: durch die Unterstützung der richtigen Männer. Vier lassen sich bei Kramp-Karrenbauer nennen: Ex-Minister Karl Rauber war der erste Chef der Politologie-Absolventin in der CDU-Landesgeschäftsstelle und blieb ihr Berater. Es folgten Klaus Töpfer, CDU-Landeschef und Bundesminister, Ex-Ministerpräsident Peter Müller – und ihr Mann Helmut. Ohne dessen Bereitschaft, zu Hause zu bleiben, um die drei Kinder zu betreuen, keine AKK-Karriere. Ein progressives Modell. Seit 32 Jahren sind sie verheiratet. Mehr als stabil, glücklich, hört man. Sie kannten sich schon als Kinder, waren im selben Sportverein. Helmut Karrenbauer lernte Steiger, ist Motorradfan. Der jüngste Sohn (19) lebt noch zu Hause. Kramp-Karrenbauer spricht scherzhaft von einem „Junggesellenhaushalt“, in dem sie „gern gesehen und geduldet“ sei.

Was weiß man noch von ihr privat? AKK tanzt und liest für ihr Leben gern, sie ist überzeugte Katholikin, hat ein Faible für Schuhe, und wenn man sie nach Luxus fragt, sagt sie: „Das ist, wenn ich mal keine Entscheidung treffen muss.“ Homestorys waren allerdings tabu. Bis neulich. Dass das Paar dieser Tage im Boulevardblatt „Die Bunte“ ein Heileheile-Ehe-Interview gab und sich sogar in Schmusepose ablichten ließ, löste Irritationen aus. So nervös ist also die durch den Schulz-Effekt bedrängte Ministerpräsidentin, dass sie Einblicke ins Private gewährte? Nicht nur. Offensichtlich will Kramp-Karrenbauer nicht mehr nur bedacht und verlässlich wirken, das könnte womöglich nach Abnutzungserscheinungen aussehen oder doch zu sehr nach einer „Merkel von der Saar“ – und das in Zeiten, da die Kanzlerin als „automatisierter Hosenanzug“ verspottet wird, während die SPD in Emotionen badet.

Die Saarländer empfinden Kramp-Karrenbauer als bodenständig, uneitel und authentisch. Bürgernähe hat sie zu ihrem Markenkern gemacht, lieh in den vergangenen Jahren über 400 Bürgern das Ohr in ihren Bürgersprechstunden. Ausbalancieren und einbinden heißt ihre Zauberformel. Der Ministerpräsidentin gelang auf Bundesebene das Kunststück des Länderfinanzausgleichs, sie schaffte im Land den Schulterschluss mit den Gewerkschaften, ihre CDU-Sozialministerin schmiedete den „Pflegepakt“. Kürzlich, als die Dillinger Firma Nemak ein Ausbildungszentrum einweihte, suchte sie danach in der Menge nach jedem einzelnen der Lehrlinge, interviewte alle, durchaus auch in Platt. Eine, die „nur“ zuhört? Vorsicht. Wer fragt, der führt.

Bemerkenswert ist, dass ihr das viele Sich-Kümmern nicht den Ruf einer gemütlichen Landesmutti eingebracht hat. Im Gegenteil: Das Moderieren zweier Regierungsbündnisse – Jamaika (CDU, FDP, Grüne, 2011-2012) und große Koalition (2012-2017) – haben AKK aufs Podest einer Autorität gehievt. Populär ist sie zusätzlich, doch die Luft ist dünn, die Luft brennt, seit die SPD in Umfragen dicht an die CDU heranrückte. Kramp-Karrenbauer, die seit 17 Jahren Ministerämter bekleidet (Innen, Familie/Soziales, Kultur und Bildung), die zu Wahlkampf-Beginn als unanfechtbare Siegerin festzustehen schien, sie muss nochmal richtig Gas geben. Doch eine Kampfhenne ist und wird sie nicht. Zudem verfolgt sie geradezu stoisch das Ziel der Weiterführung der großen Koalition. An Anke Rehlinger, ihrer Wirtschaftsministerin, schätzt Kramp-Karrenbauer die „sachliche Fundiertheit bei Debatten“, Umweltminister Reinhold Jost duzt sie, Stress gibt es nur mit Bildungsminister Ulrich Commerçon. Deshalb hat sie ihn in ihrem Schattenkabinett durch Nadine Schön (CDU) ersetzt – bislang die einzige offene Konfrontation und Provokation.

Drei Viertel der Saarländer sind laut Umfragen mit ihrer Ministerpräsidentin zufrieden. Wahrlich, ein CDU-Premium-Produkt. Genau so wurde der Wahlkampf angelegt: Wer Kramp-Karrenbauer will, muss CDU (mit)wählen. Mehr noch: Wer „'s Annegret“ überhaupt als politische Größe an der Saar behalten will, muss CDU (mit)wählen. Wird die CDU nicht stärkste Kraft, sagt die Frankreichstrategie-Erfinderin „Au revoir“. Wiedersehen kann man sie dann höchstens auf der Berliner Bühne. Oder bei Eric.


Herausforderin Anke Rehlinger

 

Anke Rehlinger (40) will die nächste Ministerpräsidentin des Saarlandes werden. Hält das Umfrage-Hoch ihrer SPD am Sonntag dem Realitätstest an der Wahlurne stand, kann sie es schaffen.

Wenn Anke Rehlinger am Dillinger Odilienplatz Rosen verteilt, steht sie nicht wartend unter einem SPD-Wahlkampf-Schirm. Sie stürmt voran. Ob im Schuhgeschäft oder in der Dönerbude: Wo sie auftaucht, fliegt die Tür auf – Power, das ist ihr Ding. Auch unverkrampfter Bürgertalk. Rehlinger gibt den Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ, ist es wohl auch: sympathisch, natürlich, schlagfertig – eine Idealbesetzung, wenn es darum geht, Bekanntheits- und Image-Defizite auszugleichen. Deshalb SPD- „Häuserwahlkampf“, Rehlinger klingelte sich durch und hörte, wie in Dillingen, nicht selten das: „Sie sind sehr nett, aber die Ministerpräsidentin ist es auch. Macht es doch gemeinsam.“ Wenn’s denn so einfach wäre – mit einer durch Martin Schulz entfesselten SPD im Nacken, die raus will aus der ewigen Juniorpartnerschaft in einer großen Koalition.

Bei Umfragen liegt Rehlinger, was die persönlichen Werte angeht, deutlich hinter der CDU-Regierungschefin. Mit dem Namen der Wirtschaftsministerin verbindet sich keine fette Firmen-Neuansiedlung, kein spektakuläres Zukunftsprojekt, allerdings die flotte Wiederbefahrbarmachung der Fechinger Talbrücke. Das ist für Rehlinger selbst ihr größter Erfolg. Doch effizientes Krisenmanagement mag zwar ihren Ruf bestätigen, kraftvoll zuzupacken, die Königsdisziplin ist das noch nicht. Kann die frühere Top-Leichtathletin, seit 1996 saarländische Rekordhalterin im Kugelstoßen, wirklich Ministerpräsidentin? In der Fraktion galt sie als Allroundtalent. Gleichwohl durfte sie bisher nie die Erste sein, war stellvertretende Vorsitzende in der Fraktion (2011), ist stellvertretende SPD-Landeschefin (2013) und seit 2014 stellvertretende Ministerpräsidentin. Bei der CDU nannte man sie schon mal spöttisch „Anke wer?“: Rehlinger sei ein bundespolitisches Leichtgewicht. Nicht erst die tausendfach geposteten Rehlinger-Küsschen für Martin Schulz während dessen „Krönungsmesse“ haben dafür gesorgt, dass solcherart Einschätzungen bröckeln. Sondern Rehlinger selbst. Im Wahlkampf hat sie zweifelsohne an Format gewonnen, argumentiert schärfer und feuriger, tritt unaufgeregt und zugleich entschlossen auf. Ihr Wahlziel: nicht irgendein Amt, das sagt sie immer wieder, sondern stärkste Kraft werden und die AfD verhindern. Rehlinger sieht das Ende des moderierenden Politik- stils gekommen. Es habe sich ausgemerkelt, auch im Saarland: „Man darf nicht nur Stabilität und Kontinuität vermitteln. Mir war bisher nicht langweilig mit dem, was wir hier gemacht haben. Aber ich will manches anders machen.“ Und sie traut sich das auch zu.

Sie selbst sagt: „Alles das, was man mir bisher anvertraut hat, konnte ich erledigen.“ Bei ihr brenne schon jetzt regelmäßig die Hütte, und ihr Kalender sei so voll, dass man kaum noch mehr reindrücken könne. Selbst die Vorstellung, dass ihr in einem rot-roten Bündnis womöglich der einstige SPD-„Übervater“ Oskar Lafontaine (Linke) die Welt und das Regierungsgeschäft würde erklären wollen, lässt sie ruhig schlafen. Rehlinger hat den Vorteil der späten Geburt: „Lafontaine hat mich weder gefördert noch verhindert.“

Der Umgang sei entspannt. Das Heiko-Maas-Trauma quält die SPD-Spitzenfrau wahrlich nicht: Gewinnen ist für sie Ziel, aber kein Schicksal. Sollte es wie- der nur für eine Juniorpartnerschaft in einer großen Koalition reichen, macht das, wie es scheint, Rehlingers Ego keinen Stress. Allerdings befindet sie sich auch, anders als ihre Kontrahentin AKK, in der komfortablen Situation, quasi sicher einer zukünftigen Saar-Regierung anzugehören, in welcher Funktion auch immer.

Unverfälschtheit halten Rehlingers Berater für deren entscheidenden Vorteil. „Mich kriegt man nur so oder gar nicht“, sagt sie selbst – da ist eine ganz bei sich selbst. Wie sie privat tickt, zeigt sie auf ihrer Homepage. Nunkircher Arbeiterkind, Jurastudium, Sozialisierung im Leichtathletikclub Rehlingen. Oft zeigt sie sich mit ihrem Mann Thomas, der als „Landarzt“ arbeitet, und mit Sohn Paul (8). Die junge Familie lebt in Münchweiler, eng angebunden an die beiden Großeltern-Haushalte.

Vor allem kulinarisch. Wenn Rehlinger eins nicht kann, dann kochen. Ein Abend die Woche gehört Mann und Sohn. Der Verlust an Familienzeit ist für Rehlinger das Härteste, was ihr der Beruf abverlangt. Luxus liegt für sie jenseits des Materiellen, mal in den Tag hinein leben zu können, ohne feste Termine. Hobbys haben keinen Platz, sogar Rehlingers geliebter Sport nicht. Musik mag sie, aber Kulturveranstaltungen machen ihr nur Spaß, wenn sie sich gründlich vorbereiten kann. Deshalb will sie irgendwann einmal nicht einfach nur ein bisschen fotografieren, sondern bei ihr wird’s ein „Fotografie-Lehrgang“. Entspannung? Friseurbesuche oder Wellness machen sie nervös, in Boutiquen nimmt Rehlinger aus Zeitökonomie-Gründen auch mal drei Blazer mit. Da weiß man, warum Mitarbeiter sie „pragmatisch“ nennen. Gleichwohl neigt die Chefin zu Akribie, Delegieren ist nicht ihre Stärke.

Das Verhältnis zur eigenen (Regierungs-)Chefin gilt nicht als innig, sondern als vernünftig. An Kramp-Karrenbauer schätzt Rehlinger: „Sie ist uneitel und arbeitet viel.“ Zumindest der zweite Satz gilt auch für sie selbst.




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