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Trugbilder eines überhitzten Gehirns



Trugbilder eines überhitzten Gehirns
Von SZ-Redakteur Christoph Schreiner,  17. März 2012, 00:08 Uhr
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Philippe Claudel
Dass dieser neue Roman Philippe Claudels als Parabel auf moderne, von den beiden großen nivellierenden Kräften unserer Zeit (Entfremdung und Anonymität) geprägte Lebens- und Arbeitsprozesse angelegt ist, liegt auf der Hand. Gerade aber weil diese Lesart so offensichtlich ist, misslingt er



Dass dieser neue Roman Philippe Claudels als Parabel auf moderne, von den beiden großen nivellierenden Kräften unserer Zeit (Entfremdung und Anonymität) geprägte Lebens- und Arbeitsprozesse angelegt ist, liegt auf der Hand. Gerade aber weil diese Lesart so offensichtlich ist, misslingt er. Weil seine Gesellschaftsdiagnose viel zu dünn und klischeehaft und seine überdeutlich an Kafka (und dessen Roman "Das Schloss") gemahnende Grundstruktur einen literarischen Vergleich zeitigt, bei dem selbst ein so versierter Autor wie Claudel nur den Kürzeren ziehen kann. Kafkas Genie, in zeitloser Gültigkeit ein Panoptikum menschlicher Ausweglosigkeit auszuformen, bleibt unerreicht.

Je weiter die "Untersuchung" (so der Titel des kürzlich in deutscher Übersetzung erschienenen Romans) ins Surreale und Groteske abgleitet, umso mehr befreit sich der Roman zwar von seiner kafkaesken Anlage - allein, eine Rettung findet er auch auf diesem Wege nicht. Das ist umso bedauerlicher, weil Claudel in seinen vorangegangenen drei Romanen - "Die grauen Seelen" (2004), "Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung" (2006) und "Brodecks Bericht" (2009) - in einer großen, sprachgewaltigen Variation die langen Schatten der großen Kriege (den von 1914-18, den in Vietnam und den der Nazis) im Leben der kleinen Leute neu belichtet und damit konserviert hat. Eine verkappte Trilogie, die zeigte, wie sehr sich dieser in einem kleinen Ort unweit von Nancy geborene und bis heute dort aus Überzeugung lebende Autor auf das Offenlegen kollektiver Verdrängungsprozesse versteht.

In seinem jüngsten, ganz anders gearteten Roman schickt Claudel einen namenlosen Ermittler in eine ebenso namenlose Stadt, wo er eine mysteriöse Selbstmord-Serie in einer Firma - vermutlich diente ihm hier die France Télecom als Vorlage - aufklären soll, deren Größe und Organisation nicht anders als ihre Unterwanderung des öffentlichen Lebens Orwell'sche Ausmaße hat. Stadt und Firma scheinen eins. "Die heutigen Monarchen", heißt es einmal, "haben keinen Kopf und kein Gesicht mehr. (. . .) Ihre Schlösser sind heute Datenbanken." Kaum angekommen, gerät Claudels immer willenloser agierende Hauptfigur denn auch in einen alle gewohnten Realitätsmuster auflösenden Strudel, in dem ihm nur eine Gewissheit bleibt: "Alles scheint mich an dem, was ich tun muss, hindern zu wollen." Weil alles um ihn herum jedweder Plausibilität spottet, beginnt er "in der unlogischen Logik seines Albtraums" zu denken. Wähnt er sich mal gestorben, mal auf demütigende Weise zum Narren gehalten oder einer numinosen Prüfung unterzogen.

Genüsslich führt Claudel in immer neuen, immer abstruseren Variationen vor, wie der längt zum Spielball letztlich gestaltloser Kräfte gewordene Ermittler es sich weder mit den ihm begegnenden janusköpfigen Figuren verderben noch den Trugbildern seines wie überhitzten Gehirns Glauben schenken will. Da Claudels Räderwerk sich aber immerzu nur im Kreis dreht, führt es nirgendwo hin. Oder sollen wir am Ende in diesem romanhaften Perpetuum mobile ein Gleichnis erkennen, das den Kollaps einer Lebensform beschreibt, die fälschlicherweise Identität über Arbeit definiert? Um dies zu durchschauen, braucht man diesen Roman nicht.

Philippe Claudel: Die Untersuchung. Kindler, 221 S., 18,95 €.

Zweisprachige Lesung (auf Französisch von Claudel, auf Deutsch von Katharina Bihler) am Montag um 19 Uhr im Saarlänischen Künstlerhaus (Karlstr. 1).

Anschließend wird um 20.30 Uhr im Filmhaus Claudels Spielfilm "So viele Jahre liebe ich dich" (2008, OmU) gezeigt.

Foto: David Balicki

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