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Wie das Saarländische Staatsorchester Flüchtlinge willkommen heißt





Saarbrücken
Neuanfang mit Musik
Wie das Saarländische Staatsorchester Flüchtlinge willkommen heißt

Von  Johannes Kloth, 
17. April 2015, 00:00 Uhr
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Blick von der Orchester-Bühne auf das Probenpublikum auf der Empore. Foto: Oliver Dietze Foto: Oliver Dietze
Zur einer Generalprobe hat das Saarländische Staatsorchester zusammen mit dem Saarbrücker Netzwerk „Ankommen“ Flüchtlinge eingeladen. Für die – meist jungen – Menschen aus Syrien und Eritrea ein ungewohntes Erlebnis. Was kann eine solche Aktion erreichen?
Ob sie noch irgendwo liegt, seine Geige, vergraben unter den Trümmern von Homs? Oder ob sie geplündert wurde, nachdem er Syrien verlassen hatte? Jean-Piere weiß es nicht. Mit seiner Familie floh der 17-Jährige im vergangenen Frühjahr aus der damaligen Rebellenhochburg, einer Stadt ohne Strom, ohne frische Lebensmittel, in der Scharfschützen hinter jeder Häuserzeile lauern konnten. Jeden Tag, sagt Jean-Pierre, hätten sich seine Eltern, seine Schwester und er gefragt, ob sie die nächsten Todesopfer sein werden. Seine Geige musste Jean-Pierre zurücklassen, doch ihm blieb das Wichtigste, was man hat: das eigene Leben.

Über ein Jahr ist seither vergangen. Eine Zeit, in der es für Jean-Pierre um Existenzielleres ging als um Musik. Doch nun sitzt der junge Mann mit dem schüchternen Lächeln auf der Empore der Saarbrücker Congresshalle, über 4000 Kilometer von der Heimat entfernt, und lauscht Tschaikowsky.

Das Saarländische Staatsorchester probt für sein fünftes Sinfoniekonzert. Es ist keine gewöhnliche Generalprobe in geschlossenem Rahmen, das Orchester hat sie geöffnet – für Flüchtlinge. Andere Orchester haben es vorgemacht, manche sogar in Flüchtlingsheimen gespielt. Man wolle „den Menschen ein Gefühl der Wertschätzung geben, das Warten und die Langeweile unterbrechen und eine Freude bereiten“, teilte der Vorstand des Saarbrücker Orchesters mit. Doch ist eine solche Aktion überhaupt der geeignete Weg, Flüchtlinge anzusprechen? Und geschieht das Ganze tatsächlich aus einem rein humanistischen Impuls, oder geht es nicht auch um Eigenwerbung?

Wer bei der Probe in der Congresshalle dabei ist, verliert die Skepsis schnell. Der Stolz, die Freude, die sich in den Gesichtern auf der Empore spiegeln, als Generalmusikdirektor Nicholas Milton sein „ganz herzliches Willkommen an unsere Freunde“ ausspricht, ist unübersehbar; die Heiterkeit, als Milton frotzelt, die meisten Zuschauer sprächen wohl besser Deutsch als er, wirkt entwaffnend unverstellt.

Ralph Vaughan Williams' „Fantasia on Greensleeves“, Elgars Cellokonzert e-Moll (mit Solist Daniel Müller-Schott) und Tschaikowskys Fünfte – eine volle Ladung romantische Sinfonik serviert das Orchester dem Probenpublikum. Eine Gruppe Eritreer, Bootsflüchtlinge, der Militärdiktatur nur knapp entkommen, keines Wortes Deutsch oder Englisch mächtig, lassen in der Pause über einen Dolmetscher wissen, sie hätten noch niemals etwas Ähnliches gehört. Die Konzentration der jungen Männer während der anderthalb Stunden Programm ist frappierend: Kein nervöses Handy-Zücken, kein Getuschel. Immer wenn die Instrumente schweigen, brandet Applaus auf, selbst in den Generalpausen.

Neben Jean-Pierre auf der Empore sitzt Khalil. In der Pause erzählen die beiden Syrer, die sich im Deutschkurs kennengelernt und angefreundet haben, ihre Lebenswege – in beeindruckend gutem Deutsch. Anders als Jean-Pierre verließ Khalil das Land auf eigene Faust. Der 27-Jährige Kurde aus Aleppo floh aus Angst, von Assads Armee eingezogen zu werden – erst in den Libanon, von dort über ein UN-Sonderprogramm nach Deutschland. Es sei hart, ganz ohne Familie, sagt er. Trotzdem habe er sich mittlerweile zurecht gefunden. Derzeit wartet Khalil auf einen Informatik-Studienplatz.

In einem Alter, in dem junge Menschen zur Schule gehen, studieren, sich verlieben, Partys feiern, mussten Jean-Pierre und Khalil von null anfangen: Sie erzählen von Orientierungslosigkeit und Gefühlen der Fremde im Lebacher Flüchtlingsheim, aber auch von der Freundlichkeit, mit der Deutsche ihnen begegnet seien, vom Deutschkurs, der ihnen ermöglicht, jetzt wieder Schule und Universität zu besuchen.

Und von der Musik: In seiner Heimat habe er Tambour gespielt, sagt Khalil, eine arabische Trommel. Die Generalprobe sei sein erstes klassisches Konzert. Jean-Pierre, dessen Großvater einen Musikalienhandel betrieb, ist der Klang sehr viel vertrauter. Am liebsten, sagt er, habe er früher auf seiner Geige Mozart gespielt. Bald schon wird er wieder üben können. Vor kurzem hat sich Jean-Pierre an der Musikschule Sulzbach angemeldet.



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