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Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht über Goethes „Faust“ – Vortrag am Montag



„Draghi ist der moderne Mephisto“
Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht über Goethes „Faust“ – Vortrag am Montag

Von Johannes Kloth, 12.06.2015 00:00
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Sahra Wagenknecht, hier beim Interview, sieht „Faust“ als „unglaublich aktuell“. Foto: Dietze Foto: Dietze
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Goethe, gemalt von Joseph Stieler und Friedrich Dürck. Foto:dpa
Ein junger Mann will nur kurz „Hallo“ sagen, ein anderer fragt nach einem Autogramm, und eine ältere Dame muss unbedingt noch schnell ihre Ansichten zur weltpolitischen Lage loswerden: Wenn Sahra Wagenknecht in der Merziger Fußgängerzone im Café sitzt, bleibt sie nicht lange unbemerkt. Freundlich bedenkt die wohl künftige Co-Fraktionschefin der Linkspartei im Bundestag jeden, der sie an diesem Vormittag anspricht, mit ein paar Worten. Dann geht es um das größte Werk des größten deutschen Dichters: Johann Wolfgang von Goethes „Faust“. Die 45-Jährige liest es als eine prophetische Kapitalismuskritik. Merkur -Mitarbeiter Johannes Kloth erklärt sie, warum.
Frau Wagenknecht, kein literarisches Werk wurde wohl in den vergangenen 200 Jahren so oft interpretiert und gedeutet wie der „Faust“. Was fasziniert so an diesem Werk?

Wagenknecht: Es beinhaltet eine fast schon prophetische Moderne- und Kapitalismuskritik. Faust ist am Schluss ein moderner Großunternehmer, der mit seiner Produktion einerseits dazu beiträgt, Wohlstand zu schaffen, andererseits aber die ganze Dialektik von privatem Reichtum, sozialer Ignoranz gegenüber dem Los seiner Beschäftigten und der Unersättlichkeit eines ständigen Expansionsstrebens verkörpert: Faust will seinen Besitz immer weiter ausdehnen und verantwortet dafür sogar Mord . . .

. . . das Paar Philemon und Baucis wird getötet, weil es sich der Zwangsumsiedlung widersetzt.

Wagenknecht: Ja. Auch Krieg ist für Faust Mittel zum Zweck. ‚Krieg, Handel und Piraterie/Dreieinig sind sie', sagt Mephisto. Das ist hochaktuell. Viele Kriege werden aus Wirtschaftsinteressen geführt. Menschen hungern, weil andere mit Nahrung spekulieren. Aus Renditegründen werden soziale Existenzen zerstört. Die Frage ist: Wollen wir in so einer Welt auf Dauer leben?

Eine antikapitalistische Lesart des „Faust“ wurde schon in der DDR propagiert. Walter Ulbricht sah im „Sieg des Sozialismus“ in der DDR den dritten Teil des Faust, der sozusagen Goethes Werk komplettieren sollte.

Wagenknecht: Das ist natürlich Unsinn. Was allerdings stimmt – und das hat nichts mit der DDR zu tun: Faust ist ein kapitalismuskritisches Werk.



Die ökonomischen Themen werden meistens in „Faust II“ verortet. Wie ist es denn mit dem ersten Teil: Könnte man in dem rastlos suchenden Faust, der zu dem Moment nicht sagen kann „Verweile doch, Du bis so schön“, nicht auch den kapitalistisch getriebenen Menschen sehen?

Wagenknecht: Das Streben nach Neuem, die Ungenügsamkeit ist ein Phänomen, das über den Kapitalismus hinausweist. Ich möchte auch nicht in einer stagnierenden Gesellschaft leben. Allerdings darf Wachstum eben kein Selbstzweck sein.



„Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, so sei es gleich um mich getan“, sagt Faust – das klingt doch nach kapitalistischer Arbeitsethik.

Wagenknecht: Natürlich ist „Faust“ ein Bild der Moderne. Der Fortschritt ist brutal, kalt und zynisch, ihm fallen Menschen zum Opfer. Nehmen Sie das Schicksal von Gretchen, es wird auf eine sehr drastische Weise deutlich, dass sie gar keine Chance hat.

Im ersten Akt von „Faust II“ führt Mephisto das Papiergeld ein. Da liegt die Verbindung zu heute förmlich auf der Hand.

Wagenknecht: Mephisto macht dem Kaiser, der in Schulden erstickt, weis, man müsse einfach nur Geld drucken, das löse alle Probleme. Das hat einen unglaublich aktuellen Bezug: Man erzählt uns heute, die Eurokrise sei gelöst, in Wirklichkeit hat der moderne Mephisto, der heute Mario Draghi heißt, die Probleme nur mit ganz viel neuem Geld zugedeckt. Das wird auch ähnlich schlecht ausgehen wie im Faust.

Der Kaiser im „Faust“ hat den faulen Zauber nicht erkannt. Ist er ein unfähiger Herrscher?

Wagenknecht: Goethe beschreibt eine zerfallende Gesellschaft, in der jeder gegen jeden kämpft, in der die Reichen keine Steuern zahlen. Die Regierung ist schwach und genießt keinen Respekt. Eine solche Gesellschaft geht natürlich mephistophelischen Lösungen auf den Leim.

Wobei Geldschöpfung an sich ja noch nichts Verkehrtes ist.

Wagenknecht: Nein, aber es wird ja gezeigt, dass mit dem Papiergeld keine Wertschöpfung verbunden ist. Sondern – und da liegt die Parallele zu heute – das Geld an Leute geht, die es nicht investieren, sondern verjubeln. Natürlich kann man mit Papiergeld – oder heute Computergeld – Produktion stimulieren, aber dann muss es in die Hände von Leuten kommen, die reale Güter kaufen und nicht nur Aktien oder Finanzderivate.



Am Ende lässt die Sorge Faust erblinden, er hört das Geklirr von Spaten, wähnt seine Arbeiter am Werke, stattdessen schaufeln die Lemuren sein Grab. Wofür steht die Sorge?

Wagenknecht: Ich glaube, es geht um Goethes eigene Sorge, dass sich die Menschheit in diesem kommerziellen Zeitalter einrichtet, in dem nur noch zählt, was sich rechnet, dass sie nicht mehr herausfindet und ihre Kultur und Würde verliert. Goethes eigenes Empfinden war ja, dass der „Faust“ zu seiner Zeit auf taube Ohren und Unverständnis treffen wird, er wollte deshalb auch nicht, dass der zweite Teil zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wird.



Allerdings sah Goethe auch positive Seiten des Kapitalismus….

Wagenknecht: Goethe sah es als elementaren Angriff auf das humanitäre Ideal an, wenn Menschen in Armut leben müssen. Er beobachtete genau die aufkommende Maschinenproduktion in England und sah natürlich ihre produktiven Kapazitäten. Er sah, dass durch die Mechanisierung mehr Reichtum entsteht. Aber er sah eben auch die Kehrseite – vom damaligen Stand aus erstaunlich klar –, dass nämlich der Reichtum sich in wenigen Händen konzentriert und das Leben der damals in den Fabriken Arbeitenden elender und entwürdigender war als das ihrer bäuerlichen Vorfahren. Heute gibt es Elend in dieser Form zwar in den Industrieländern nicht mehr. Aber dass Reallöhne sinken oder stagnieren, während die Wirtschaft wächst, dass die Vermögen der Milliardäre explodieren, während Schulen und Krankenhäuser unterfinanziert sind, das ist auch im heutigen Deutschland so.

Goethe war zeitweise Finanzminister am Hof von Weimar. Wie intensiv hat er sich mit ökonomischer Theorie beschäftigt?

Wagenknecht: Er hat Adam Smith und andere Ökonomen gelesen. Vor allem hat er die Entwicklungen in England verfolgt. Natürlich waren die aufkommenden Industriestädte für ihn ein Horror, da gab es überhaupt keine Kultur. Manchester hatte kein Theater, kein Bildungsbürgertum, das war ein Abgrund an Kulturlosigkeit.



Die französischen Frühsozialisten, die er auch las, überzeugten ihn allerdings auch nicht.

Wagenknecht: Er hielt die Vorstellung der Saint-Simonisten für unrealistisch, dass man jegliche Form von Eigentum aufheben sollte. Er sah – natürlich berechtigterweise –, dass dann wirtschaftliche Anreize fehlen.

Haben wir überhaupt noch den gleichen Kapitalismusbegriff wie Goethe? Er erlebte Laisser-faire, mittlerweile haben wir 200 Jahre sozialpolitische Errungenschaften hinter uns.

Wagenknecht: Das gilt zum einen nicht global: Die heutigen Fabriken in Bangladesch sind nicht besser als die seinerzeit in Manchester, sie sind nur weiter weg von uns. Zum anderen haben wir nach wie vor ein Wirtschaftssystem, das nach ähnlichen Mechanismen funktioniert wie damals – der Antrieb ist der Profit, damit verbunden ständiger Wachstums- und Expansionsdrang. Alle gesetzlichen Möglichkeiten zum Lohndumping werden ausgenutzt, das haben wir ja erlebt, seit die Agenda 2010 die legalen Möglichkeiten, reguläre durch prekäre Jobs zu ersetzen, enorm erweitert hat.

Zum Thema:

Auf einen BlickSahra Wagenknecht hält ihren Vortrag „Goethe und ‚Faust'. Eine frühe Form von Kapitalismuskritik“ am kommenden Montag, 19 Uhr, im Saarbrücker Rathausfestsaal. Er ist Teil einer Ringvorlesung der Saar-Uni mit dem Titel „Goethe und…“, die noch bis 20. Juli läuft. Weitere Vorträge: 22. Juni: „Goethe und Spiegelungen. Wasserfälle, Wahlverwandtschaften und Medienwechsel“ (Stefanie Kreuzer); 29. Juni: „Goethe und das Hörbuch: Ein Klassiker im Medienwandel des heutigen Buchmarkts“ (Romana Weiershausen); 6. Juli: „Goethe und die Juden“ (Gerhard Sauder); 13. Juli: „Goethe und das Volkslied“ (Sikander Singh); 20. Juli: „Goethe und der Dialog der Kulturen. Die Aktualität des ‚West-östlichen Divan' in Geschichte und Gegenwart“ (Karl Richter). jkl
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