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02.03.2010 18:51

Von Zweibrücken aus in die weite Welt

Geboren in Zweibrücken, erfolgreich geworden in den USA: Der renommierte Physikprofessor Kurt Becker mit Wohnsitz in New York genießt internationales Ansehen. Merkur-Redaktionsmitglied Eric Kolling hat er über seine Forschungsarbeit, die alte und neue Heimat und seine aktuelle wissenschaftliche Auszeichnung berichtet.

Herr Becker, inwiefern hat Ihre Schulzeit in Zweibrücken Ihren Weg als renommierter Physik-Professor vorgezeichnet?

Kurt Becker: Den vielleicht stärksten Einfluss auf meine Entschluss, Physik zu studieren, hatte mein Physiklehrer in der Oberstufe auf dem Helmholtzgymnasium, Friedrich Müller. Zu ihm habe ich heute noch sporadisch Kontakt. Er hat es verstanden, Physik interessant zu machen und die Konzepte zu vermitteln, ohne sich dabei im Detail zu verlieren. Eine echte Studienalternative gab es für mich eigentlich nie. Ich fand ein Fach, das sich zum Ziel setzt, Phänomene vom Urknall bis zu den Wechselwirkungen von einzelnen Atomen, Elektronen und Elementarteilchen zu erfassen, faszinierend und unschlagbar. Diese Faszination wurde in den ersten Semestern and der Uni noch vertieft durch ausgezeichnete Hochschullehrer an der Uni Saarbrücken .
Das war in den Siebzigern.

Heute gelten Sie als Pionier auf dem Gebiet der „Elektronenstoßionisation von Molekülen“. Was kann sich ein Laie darunter vorstellen?

Becker: Die meisten kennen Nordlichter. Die sind eine direkte Konsequenz aus Elektronenstoßionisierungen in der Erdatmosphäre. Auch in Leuchtstoffröhren oder sogenannten Plasmen gibt es solche Ionisierungen. Meine Arbeitsgruppe hat über 20 Jahre hinweg bahnbrechende Arbeiten darin gemacht, wie man solche Prozesse beschreiben und im Experiment bestimmen kann. Weitergehend sind unsere Arbeiten auch für die Atomenergieforschung von praktischer Bedeutung. Generell forsche ich derzeit über die Beschreibung und Anwendung von sogenannten „kalten“ Plasmen. Die werden angewandt bei der Desinfektion von medizinischen Geräten, Materialien und Implantaten zur Wundsterilisierung und sogar in der Zahnmedizin und -kosmetik.

Für besagte Forschungsleistungen sind Sie nun in Innsbruck sogar mit der Erwin-Schrödinger-Medaille ausgezeichnet worden. Was bedeutet dieser Preis für Sie?

Becker: Die Anerkennung meiner Forschungsarbeiten durch meine Fachkollegen. Das stellt für mich die vielleicht höchste Anerkennung überhaupt dar. Das Auswahlkomitee für die Verleihung der Medaille setzt sich zusammen aus renommierten Physikern aus mehreren Ländern und schließt Träger der Schrödinger-Medaille früherer Jahre ein. Die Verleihung der Medaille bedeutet für mich, dass meine wissenschaftliche Arbeit von einem weiten Kreis meiner Kollegen anerkannt wird, dass die Resultate einen bleibenden Eindruck vermittelt und andere beeinflusst haben.

Warum haben Sie eigentlich Ihre Zelte in Deutschland abgebrochen und sind nach Amerika gewechselt?

Becker: Ich promovierte 1981. Dies war eine Zeit, als es für junge Naturwissenschaftler in Deutschland und Europa notwendig war, eine gewisse Zeit nach der Promotion im englischsprachigen Ausland, insbesondere in den USA, zu verbringen. Das gehört zur Entwicklung der wissenschaftlichen Karriere. So ging ich als Postdoc nach meiner Promotion zu Prof. Dr. Bill McConkey an die Universität Windsor in Kanada mit einem Forschungsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Und wollte eigentlich nach zwei Jahren nach Deutschland zurückkehren.

Warum wurde daraus nichts?

Becker: Das hatte mit der Arbeitsmarktlage im akademischen Bereich in Deutschland in den 80er Jahren zu tun. Es gab aber einfach keine Stellen für junge Wissenschaftler. Mehr Erfolg hatte ich bei der Stellensuche in den USA und bin so dann in den akademischen Bereich dort eingestiegen. Meine Karriere in den USA entwickelte sich dann sehr schnell und sehr gut.

Besser als es in Deutschland hätte laufen können?

Becker: Das amerikanische akademische System mit seiner sechsjährigen Probezeit ist wesentlich flexibler als das deutsche. Eine Uni investiert in einen jungen Wissenschaftler und beobachtet die Entwicklung. Wenn die Karriere einen erfolgreichen Start hat, biete sie nach sechs Jahren eine Dauerstelle an. So wie bei mir. Und ich war kein Einzelfall. Ich kenne viele deutsche und europäische Naturwissenschaftler in meine Alter, die jetzt etabliert an amerikanischen Universitäten sind, deren Werdegang ganz ähnlich verlief.

Welches sind für Sie die positivsten Facetten von New York und den USA?

Becker: In New York lernte ich meine jetzige Frau kennen, so dass für mich eine enge persönliche Bindung in den USA entstand. Zudem ist New York eine unheimlich faszinierende Stadt, die mich schnell in ihren Bann zog. Ich könnte mir heute nicht mehr vorstellen, irgendwo anders zu leben, auch nicht an irgendeinem anderen Ort in den USA. Das Klischee ‚New York ist nicht Amerika und Amerika ist nicht New York’ beinhaltet viel Wahrheit.

Sie leben nun schon viele Jahre in Amerika. Wie halten Sie es mit dem Kontakt in die alte Heimat?

Becker: Ich habe meine Verbindungen nach Zweibrücken nie abreißen lassen. Nach meinem Weggang aus Deutschland 1982 kam ich jedes Jahr mehrere Male nach Zweibrücken bis zum Tod meiner Mutter 1992. Meine Frau und ich haben 1989 nach unserer Hochzeit in New York auch noch einmal in Zweibrücken geheiratet. Inzwischen sind meine Besuche seltener geworden, seit ich mein Elternhaus in Niederauerbach 1995 verkauft habe. Dennoch bin ich in regelmäßigem Kontakt mit meiner Tante und ihrer Familie in Einöd und mit der Cousine meine Mutter und ihre Familie in Zweibrücken. Ich habe auch jetzt noch Grundbesitz in der Stadt, den ich nicht aufgeben will.

Wie sieht ein nostalgischer Heimatbesuch denn aus?

Becker: Ich spaziere durch die Stadt, mache meine Runde über die Friedhöfe oder gehe durch die Fasanerie, wo ich in jungen Jahren viele Stunden beim Waldlauf zugebracht habe. Natürlich hat sich in Zweibrücken über die Jahre vieles verändert. Meine Jugend dort war unter anderem geprägt von der Anwesenheit amerikanischer, kanadischer, und französischer Truppen, die zum Stadtleben dazugehörten. Es gab einen Flugplatz in der Stadt. Die Kanadier gingen ziemlich früh weg, danach kam die Bundeswehr. Heute erinnert daran kaum noch etwas. Ich kenne die Innenstadt noch ohne Fußgängerzone und die Stadt noch ohne Parkprobleme.

Eine Chance, als Professor nach Deutschland zurückzukommen, sehen Sie nicht?

Becker: Ich hatte in Deutschland Gastprofessuren in Münster, Greifswald und Kaiserslautern, aber nicht in Saarbrücken. Ein Angebot für eine sogenannte W3-Professur gab es auch vor etwa acht Jahren, aber es war nicht attraktiv, sowohl vom Standort als auch von den Arbeitsbedingungen.

Hintergrund
Kurt Becker wurde 1953 in Zweibrücken geboren, besuchte die Grundschule in Niederauerbach und danach das Helmholtz Gymnasium, damals noch an der Hofenfelsstrasse. Eigenen Angaben zufolge war er über viele Jahre hinweg aktiver Sportler bei der VTZ.
Die Schrödinger-Medaille wird alle zwei Jahre durch ein internationales Auswahlgremium verliehen, Schirmherr ist die Leopold Franzens Universität Innsbruck. Die Medaille trägt ihren Namen zu Ehren des österreichischen Physikers und Nobelpreisträger Erwin Schrödinger, einem Mitbegründer der Quantenmechanik. Die Schrödinger Medaille ist nicht mit einem Preisgeld verbunden. ek




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