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10.09.2010 00:16

Die Macht eines EiferersRadikaler Pastor sucht Macht und Bedeutung

Nun hat sich auch US-Präsident Obama eingeschaltet. Er warnt vor den Folgen der geplanten Koran-Verbrennung in Florida. Doch mehr kann er nicht tun - die Verfassung bindet ihm die Hände. Der Pastor einer Mini-Gemeinde lässt den Chef der Supermacht hilflos erscheinen.Der radikale US-Pastor Terry Jones, der als Oberhaupt einer evangelikalen Gruppe in Florida zur Koranverbrennung aufruft, wird nach Einschätzung des Sektenbeauftragten Andrew Schäfer vom extremen Bedürfnis nach Macht getrieben.

Von dpa-Mitarbeiterin Gabriele Chwallek

Washington. Ein radikaler Pastor einer 50-Seelen-Gemeinde in Florida droht die USA international in Verruf zu bringen. Und der mächtigste Mann der Welt muss tatenlos zuschauen. US-Präsident Barack Obama kann nur appellieren, auf die geplante Verbrennung des Korans am neunten Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September zu verzichten. Sonst kann er nichts tun. Und das Schreckgespenst ernster Folgen wird immer größer: Gewalttätige Ausschreitungen in der muslimischen Welt, Übergriffe gegen US-Soldaten, ein schwerer Ansehensverlust wie nach den Folter-Fotos von Abu Ghoreib. In Afghanistan, Pakistan und Indonesien brannten auch bereits wieder US-Fahnen.

Viele Menschen rund um den Globus fragen sich indes: Was ist los in den USA, wie kann ein einzelner religiöser Eiferer dem Präsidenten der Vereinigten Staaten praktisch auf der Nase herumtanzen? Inzwischen ist Pastor Terry Jones auch nicht mehr allein: Der frühere Baptisten-Pastor und heutige Leiter einer fundamentalistischen Gruppe in Tennessee, Bob Old, hat für Samstag ebenfalls eine Koranverbrennung angekündigt. Keine Frage: Die US-Regierung steckt in der Klemme. Sie müht sich damit ab, die geplante Koran-Verbrennung in der kleinen Gemeinde in Gainesville zu verhindern, ohne sie zu verbieten - denn das ist nach der Verfassung nicht erlaubt.

Pastor Terry Jones wartete auch gestern "auf ein Zeichen von Gott" oder einen Anruf aus dem Weißen Haus oder vielleicht auch aus dem Pentagon - nur dann will er vielleicht seinen Plan für einen Scheiterhaufen aus mindestens 200 brennenden Koranen fallen lassen.

Dass er so etwas vorhat, war der US-Regierung schon seit langem bekannt. Aber sie setzte zunächst auf Schweigen, um den im Ausland mittlerweile als "Verrückten" bezeichneten Jones nicht aufzuwerten. Aber Totschweigen war Anfang der Woche keine Option mehr, als der Kommandeur der US-Truppen in Afghanistan, David Petraeus, Alarm schlug und vor einer Gefährdung der Soldaten warnte. "Ich bin für meine Truppen verantwortlich. Ich musste etwas sagen", verteidigte der General später sein Vorgehen gegen Kritik, dass er mit seiner öffentlichen Warnung Jones ein willkommenes Forum verschafft habe. Das Dilemma dabei ist, so stellte Petraeus schon vor Tagen richtig fest, dass viele Menschen im Ausland nicht verstehen können, warum eine derartige, als Volksverhetzung einzustufende Aktion in den USA nicht gesetzlich verboten ist. Das spiegelt sich auch im Brief des indonesischen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono wider, der vom Präsidenten verlangte "sicherzustellen, dass dieser abscheuliche Akt nicht ausgeführt wird".

Mittlerweile wächst die Sorge, dass Bilder von der Koran-Verbrennung zum zweiten Abu Ghoreib werden, sich unauslöschbar einprägen, wie es Petraeus formulierte. Damit droht Obama ein schwerer Rückschlag bei seinen Bemühungen, das durch den Irakkrieg so stark beschädigte Image der USA wieder aufzumöbeln. Aber was tun? Obama sind die Hände gebunden. Rechtsexperten suchen derweil nach legalen Möglichkeiten, die Aktion zu unterbinden, ohne die Verfassung zu verletzen. Eine davon wäre, das Feuer aus gesundheitlichen Gründen zu verbieten: Beim Verbrennen würde nämlich Gift freigesetzt, wegen der beim Druck verwendeten Farbe. Aber Jones so zu stoppen, sähe auch nach einem Armutszeugnis aus.

Gefahr droht indes nicht nur den USA: Wegen der angekündigten Koran-Verbrennung sehen Geheimdienste auch in Deutschland eine "erhöhte Anschlagsgefahr". Nach Erkenntnissen aus islamistischen Netzwerken in den USA seien "Empfehlungen" an die Glaubensbrüder hierzulande übermittelt worden, sich am "Aufstand" zu beteiligen.Düsseldorf/Köln. Der evangelikale US-Pastor und ehemalige Hotelmanager Terry Jones, der in den 1980er Jahren die "Christliche Gemeinde Köln" gründete, wird vom Bedürfnis nach Macht und Bedeutung angetrieben, sagt der evangelische Sektenbeauftragte Andrew Schäfer. Der Theologe der Evangelischen Kirche im Rheinland bestätigte, dass der heute 58-jährige Jones vom Amtsgericht Köln im Jahr 2002 wegen Führens eines falschen Doktortitels zu einer Geldbuße von 3000 Euro verurteilt wurde.

Der Pastor sieht in der Verbrennung des Korans ein Zeichen der Ablehnung des Islam. "Jones glaubt den Unsinn, den er sagt", meint der Sektenexperte. Er habe ein schlichtes Weltbild und sei geschickt darin, Themen zu besetzen und Medien zu instrumentalisieren. "Die wahre Tragödie besteht darin, dass eine solche Persönlichkeit mit ihrer geplanten Aktion weltweiten Schaden anrichten und Menschenleben gefährden kann", sagt Schäfer.

Die von Jones in Köln ins Leben gerufene Gemeinde distanziert sich inzwischen von ihrem ehemaligen Pastor. Nach seinem "Rauswurf und fluchtartigen Abgang" sei es um die Gemeinschaft von Bibelfundamentalisten ruhig geworden, stellte der Sektenbeauftragte fest. Die freikirchliche Glaubensgemeinschaft wolle mit ihrem früheren Seelsorger nichts mehr zu tun haben. Grund für den Bruch seien Anfang 2008 finanzielle Unregelmäßigkeiten gewesen. Zu Jones' Zeiten sei die Gemeinde als eine der "konfliktträchtigsten Gemeinschaften" bekannt gewesen. Jones habe es verstanden, gottähnlich über die Wahrheit zu bestimmen, Abhängigkeiten herzustellen und das Vertrauen der Menschen auszunutzen. epd

Hintergrund

Nach islamischer Überzeugung enthält der Koran die göttlichen Offenbarungen, die der Prophet Mohammed vom Jahr 610 bis zu seinem Tod 632 durch den Erzengel Gabriel empfing. Das Buch ist demnach Gottes wörtliche Botschaft in arabischer Sprache und wichtigste Quelle fürs religiöse und rechtliche Leben der Muslime. Das Wort "Qur'an" bedeutet "Lesung" oder "Vortrag". Das Buch gliedert sich in 114 Kapitel, Suren genannt. Ihre sprachliche Schönheit gilt Muslimen als unübersetzbares Wunder. kna


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