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Leitartikel

Von Detlef Drewes

Bittere Lektion am Hindukusch (Veröffentlicht am 04.02.2012)

Detlef Drewes

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Der Abzug der Nato hat Züge einer Kapitulation. Zehn Jahre nach Beginn des Afghanistan- Einsatzes ist man von den ursprünglichen Zielen wie Wiederaufbau, Stabilisierung und Demokratisierung weit entfernt. Und, viel schlimmer noch: Noch immer sterben ausländische Soldaten und einheimische Zivilisten bei Anschlägen und am Rande der Kampfeinsätze.

Ein Mangel an geballter Militärmacht kann die höchst bescheidene Bilanz nicht verschuldet haben: Die derzeit 47 Truppensteller haben 130 000 Mann in Afghanistan stationiert. Hinzu kamen die Kräfte der Operation „Enduring Freedom“, die unter Führung der USA speziell im Anti-Terror-Kampf eingesetzt wurden. Doch das Mandat reichte eben nicht aus, um den Drogenhandel wirksam zu unterbinden. Und für zivile Alternativen, die der Bevölkerung eine neue Zukunft ermöglicht hätte, fehlten viel zu lange Ideen und Engagement. Auch glaubten die westlichen Politiker viel zu lange, der Taliban-Terror gelte allen politischen Mächten der Region als Plage, von der sie endlich befreit werden wollten. Spätestens die Entdeckung des Al-Qaida- Inspirators Osama bin Laden in Pakistan aber zeigte: Sogar hochrangige Kräfte kollaborierten mit den Terroristen.

Afghanistan als Spielfeld internationaler Allianzen zwischen dem Westen und Pakistan, Indien, China sowie Russland – da scheint kein Platz für eine stabile unabhängige Demokratie, selbst wenn diese islamisch eingefärbt wäre. Dass diese Staaten den Rückzug der Nato-Truppen unverhohlen als Niederlage und somit als wiedergewonnenen Freiraum für eigene Interessen werten, liegt auf der Hand. Mehr noch: Der Abzug wird als Signal dafür verstanden, das die Vereinigten Staaten und die Europäer von ihrer Rolle als Weltpolizist Abstand nehmen. Und dass sie mit ihrer Botschaft von einem neuen, friedlichen Afghanistan letztlich auch bei der Bevölkerung nie ganz durchdringen konnten. Denn die ökonomische Aussichten der Menschen sind mindestens so miserabel wie vor Beginn der Intervention.

Die Nato wird sich deshalb – zumindest nach heutigem Stand – schwer tun, die Operation als Erfolg zu verbuchen. Sogar die Allianz selbst hat sich längst weiterentwickelt: Afghanistan wirkt angesichts ihrer neuen Schwerpunkte mit mobilen, schnell verfügbaren Einheiten zum Schutz lebenswichtiger Infrastrukturen und gegen virtuelle Kriegsführung wie ein Relikt aus Zeiten, die man zumindest politisch längst hinter sich gelassen hat. Um es anders zu sagen: Wäre die inzwischen verabschiedete neue Nato-Strategie bereits vor zehn Jahren in Kraft gewesen, die Mission am Hindukusch hätte wohl gar nicht stattgefunden. Somit hinterlässt das Bündnis, wenn es denn 2014 abzieht, eine Baustelle und zahlreiche offene Fragen. Vor allem aber, und das ist das wirklich Tragische, viele Opfer auf allen Seiten.

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